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YES. HERE.



Aus dem
Eichborn
Verlag

Das Kleine Arschloch

SUPERMAN FOREVER!

Wer weiß noch, wie man MXYZTPLK ausspricht, den Namen des Kobolds und Gegenspielers SUPERMANS, und wie man ihn dazu veranlaßt, wieder in seine Fünfte Dimension zu verschwinden?
Ich! Ich weiß das, und ich weiß auch, daß das heutzutage nicht mehr zum allgemeinen Bildungskanon gehört. Aber die meisten Leute wissen ja auch nicht mehr, in wie vielen und welchen verschiedenen Farben Kryptonit existiert. Das ist schlimm, aber wesentlich bestürzender finde ich die folgende Nachricht: die in Deutschland seit 1966 laufenden Comicserien SUPERMAN und BATMAN werden in diesem Jahr eingestellt. Ein weiteres Indiz dafür, daß sich unsere Zivilisation im Niedergang befindet.
Im September des Jahres 1966, ich war damals neun Jahre alt, brachte mir mein Vater das erste deutsche SUPERMAN-Heft mit nach Hause. Dieser Comic, auf dessen Cover der STÄHLERNE (wie wir echten Fans SUPERMAN zärtlich nennen) mit wehendem roten Umhang und blau-rot-gelbem Strampelanzug unter der Schlagzeile "SUPERMAN ist da!" gerade landete, veränderte mein Leben. Ich habe wahrscheinlich jede einzelne Zeichnung dieses Heftchens durchgepaust, und noch heute kann ich das SUPERMAN-Logo mit verbundenen Augen in den Schnee pinkeln. Schwer zu rekonstruieren, was mich damals so nachhaltig beeindruckt hat, die Sprechblasentexte können es eigentlich nicht gewesen sein:
"Rettung in letzter Sekunde! Superman wuchtet den Bus über den todbringenden Spalt in der Brücke! Welch ein Mann!" Oder: "Raubüberfall! Ein Strahlenbeschuß aus meinen Augen, und seine Kanone schmilzt wie Butter in der Sonne!" Oder: "Fort mit diesen häßlichen Mietskasernen - den armen Bewohnern baue ich schöne neue Heimstätten."

Wie kommt es dann, daß mir solche Prosa ("Mutter Kent verschied vor wenigen Stunden … und nun liegt auch noch der Vater im Sterben! Ach …!") auch heute noch das Wasser in die Augen treibt? Wieso überfällt mich immer noch in jeder Telefonzelle der zwanghafte Wunsch, mir die Oberbekleidung vom Leib zu reißen und die Welt zu retten? Und warum finde ich SUPERMAN immer noch besser als BATMAN?
Ein knappes halbes Jahr später gesellte sich in den SUPERMAN-Heften BATMAN hinzu, mit einer eigenen Serie und gemeinsamen Abenteuern mit dem STÄHLERNEN. Ab da war für mich die Freude am Heft glatt halbiert. BATMAN war mir zu realistisch! Okay, er hatte das bessere Outfit und das Batmobil - aber er war verwundbar! Was für ein Waschlappen!
Er konnte nicht mal fliegen, hatte keinen Röntgenblick und keine Superpuste - das sollte ein Superheld sein? Obwohl sich BATMAN später von SUPERMAN mächtig emanzipiert und ihn in der Weltgunst mit Hilfe der Tim-Burton-Filme sogar überflügelt hat, war er für mich immer zweite Liga. Außerdem war er schwul. Man brauchte sich doch nur die Klamotten von ROBIN anzugucken - nackte Beine und Hot pants, und das bei ständigem Einsatz bei Nacht und Nebel - da war doch was oberfaul! Ein dekadenter, reicher Schwuler mit seinen minderjährigen Strichjungen - nichts für mich, Freunde - SUPERMAN FOREVER!
Wenn man über den Niedergang SUPERMANS spekuliert, kann man nicht - wie es bei gewissen anderen Comicserien möglich ist - immer schlechter werdende Zeichnungen und Texte dafür verantwortlich machen.
Die namenlosen Zeichner und Texter von SUPERMAN, die sich innerhalb der Hefte und über die Jahrzehnte abwechselten, waren zu keiner Zeit besonders gut, auch nie wirklich schlecht, sondern immer ehrgeizloses Mittelmaß - man kann sogar behaupten, daß die frühesten Geschichten ihrer Schöpfer Siegel und Schuster handwerklich die unbedarftesten waren. Woher also die weltumspannende Faszination für DEN MANN AUS STAHL? Die wirkliche Kraft von SUPERMAN liegt in seinem Mythos, ein naiver, unbekümmerter und hypertropher Mythos, der eigentlich nur von Kinderhirnen erdacht und akzeptiert werden kann - und den man, wenn man ihn im richtigen Alter verpaßt bekommt, nie wieder los wird. Siegel und Schuster müssen sich einiges von diesem zerebralen Zustand der Gnade erhalten haben, um mit ihrem dreisten Konzept von einem Helden, der superstark, superschnell und superklug ist und darüber hinaus auch noch über Röntgen- und Hitzeblick, Supergehör, Superpuste und Superbauchreden(!) verfügte, vor Verleger und Publikum zu treten.
Zugegeben: In einer Welt der Handys wird es für SUPERMAN immer schwieriger, eine Telefonzelle zu finden, gedruckte Comics werden im Kampf gegen die digitalen Medien den kürzeren ziehen. Ich kann aber nicht glauben, daß dieser superkraftvolle Mythos an seinem Ende ist.
In Amerika führt SUPERMAN ein wesentlich zäheres Nebenleben außerhalb der Comics, in Form von Fernsehserien, Animation und Merchandising. Spätestens mit einem gutgemachten Kinofilm (der seit einiger Zeit im Gerede ist) könnte sich der STÄHLERNE aus der Asche und zu einer neuen Größe erheben, neben der BATMAN alt aussehen wird. SUPERMAN FOREVER!
Naja, nicht ganz FOREVER. Tatsächlich fing ich nach ungefähr drei Jahrgängen SUPERMAN - ich war jetzt um die zwölf - an, mir ernsthafte Gedanken über SUPERMANS Sexualität zu ma-chen. Warum in aller Welt lief er dieser spießigen Schnepfe LOIS LANE mit ihrer Topf-frisur hinterher, wo doch die katzenäugige Rothaarige LANA LANG offensichtlich scharf auf ihn war? Er hätte sie haben können! Und überhaupt: Er hätte jede Frau der Welt haben können! Er könnte es ihnen so schnell besorgen, daß sie es nicht mal mitkrieg-ten! ("Schneller als eine Pistolenkugel!") Oder so gut und ausdauernd, daß sie ihm hörig würden. ("Kraftvoller als eine Lokomotive!")
Er konnte immer! Zigmal hintereinander. Ohne Angst vor Geschlechtskrankheiten - unverwundbar! Und sich dann blitzschnell aus dem Staub machen - im Supertempo!
Und was war eigentlich mit SUPERGIRL? Okay, er war mit ihr verwandt, aber sie war nur seine Cousine. Das darf man, rein gesetzlich. Sie hätten SUPERSEX haben können. Tagelang! Wochenlang! SUPERGIRL! Was für ein Weib! Blond. Blutjung. Sie trug schon Fetischklamotten, als das Wort Latex im Schlafzimmerbereich höchstens mit Matratzen in Verbindung gebracht wurde.
Und was machte der STÄHLERNE? Er saß am Nordpol in seiner FESTUNG DER EINSAMKEIT und spielte Schach mit KRYPTO, DEM SUPERHUND. War SUPERMAN vielleicht auch schwul? Superschwul? Steckte da etwa dieser BATMAN dahinter? Warum legten sich die beiden auf den Heftcovern dauernd die Arme um die Schultern und grinsten so dämlich - mit ROBIN in der Mitte?
Was da geschah, war nicht, daß sich SUPERMAN von mir entfremdete, sondern ich mich von SUPERMAN. Ich wurde älter, und ich mußte begreifen, daß meine Beziehung zum STÄHLERNEN eben nicht ganz FOREVER war, sondern ich ihn als Lebensabschnittbegleiter zu begreifen hatte. Für einen neun- bis zwölfjährigen kleinen dicken Jungen mit Sehhilfe war SUPERMAN eine erstklassige Identifikationsfigur, für meinen weiteren Lebensweg allerdings mußte ich mir ein neues, realistischeres Vorbild suchen. Ich entschied mich für Donald Duck.

PS: MXYZTPLK spricht man "Mixyzetpetelka" aus; man treibt ihn in seine Fünfte Dimension, indem man ihn dazu bringt, seinen Namen rückwärts auszusprechen, und Kryptonit gibt es in den Farben Grün, Rot, Blau und Gold. Merken Sie sich das!

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